Traumtänzerin

 

Sophia sitzt auf einer Astgabel des Lindenbaums und baumelt mit ihren kleinen Füßen. Neugierig beobachtet sie alles, was um sie herum passiert. Die ersten Sonnenstrahlen blitzen schon durch die Wolken und kämpfen um jeden Zentimeter Platz zwischen den herzförmigen Blättern der so gut duftenden Linde. Die Kelche einer Trichterwinde öffnen sich langsam und traumhafte, himmelblaue Blüten kommen zum Vorschein. Feine Wassertröpfchen haben sich in der Natur niedergeschlagen, doch der Morgennebel erwärmt sich mit den ersten Sonnenstrahlen und tropft als Tau letztendlich auch von der Schlingpflanze mit den verzweigten Ranken hinab in das ebenfalls noch feuchte Gras. Sophia ist überwältigt von dem, was sie sieht und genau in diesem Moment beginnen die Vögel mit ihrem Konzert. Sie zwitschern ihre schönsten Lieder und begrüßen wie jeden Morgen den Tag. Sophia singt leise mit, aber so schön das bunte Treiben auch klingt, für sie bedeutet es, dass sie nun wieder zurück muss, zurück in ihr Reich und es bleibt ihr nicht mehr viel Zeit. Das Morgenlicht kitzelt schon ihre Nasenspitze und die Nacht verschwindet.

 

Aber Sophia freut sich auf den Abend, wenn die Sonne hinter dem Wald versunken ist, denn dann wird sie im Mondlicht wieder tanzen können. Dann wird sie sich mit dem Rauschen des Waldes bewegen, so wie fast jede Nacht. Sie wird von Blatt zu Blatt hüpfen, dem Plätschern des Baches folgen und in eine farbenfrohe Zukunft schauen. Glücklich und voller Vorfreude lässt sich das anmutige kleine Wesen ins Gras fallen. Sie liebt die Geräusche der Natur und sie liebt es danach zu tanzen. Der abendliche Klang und die klare Luft des Waldes sind voller Harmonie, der Gesang der Waldvögel und das muntere Erzählen der Frösche und die Grillen beruhigen die Sinne und lassen die geheimen Kräfte der Natur erkennen.

 

Diesmal waren es schöne Träume in der letzten Nacht, viele Wünsche werden sich erfüllen, aus Einsamkeiten werden Gemeinsamkeiten und vieles fügt sich einfach nur zum Guten. Ein neues Menschenkind war auch zu sehen. Es wird ein Mädchen und sie werden es Sophia nennen.

 

All diese Episoden erzählen Geschichten aus dem Leben, schöne, aber manchmal leider auch traurige Geschichten, denn es gibt Nächte, in denen Sophia nicht tanzen kann. Wenn die Menschen sich nur selbst verletzen und im Umgang miteinander jeden Anstand verlieren, dann fehlt ihr manchmal die Kraft dazu. Dann kann sie nur teilnahmslos dem leisen Flüstern verlorener Seelen lauschen. Wenn die Menschen doch nur ein wenig ehrlicher miteinander umgehen würden. Dann könnte sie mehr Albträume in schöne Träume verwandeln. Dann könnte sie auch mehr tanzen. Wenn, ja wenn… dann könnte sie jede Nacht tanzen. Sophia zappelt im Gras herum, stibitzt einer lustig dreinblickenden Blütenknospe den Staubfaden und pustet ihn direkt in den Bachlauf hinein.

 

Wer Sophia an diesem Morgen beobachtet, wird nicht glauben, dass sie sich jede Nacht aufs Neue in verirrte Träume schleicht. Im Traum sind die Menschen näher bei sich selbst, denn am Tag rücken die eigenen Gedanken in den Hintergrund und suchen sich nachts in Form von kleinen emotionalen Abenteuern einen Weg zurück. Sophia nimmt sie mit auf ihre bunte Reise, sie fliegt mit ihnen durch die Zeit, schenkt ihnen Mut, spendet Trost und hilft den Menschen dabei, die Dinge im Unterbewusstsein zu verarbeiten. Nicht selten ist der letzte Traum der Anfang eines neuen Lebens.

 

In manchen Nächten liegt oft ein kleines Stück Schokolade als Dankeschön auf dem Fensterbrett, manchmal liegt auch ein Brief voller Wünsche dabei und manchmal belauscht Sophia von ihrem Platz im Lindenbaum aus ganz heimlich die Gespräche der Menschen mit dem Himmel. Manchmal aber kommt sie einfach nur zu spät. Dann ist die Liebe der Menschen zueinander erloschen und sie versucht in den darauffolgenden Nächten ein neues Licht der Hoffnung anzuzünden. Sophia erinnert sich an jeden einzelnen Traum ihrer Menschen. Millionen Träume, die sie sich mit den anderen feenhaft kleinen Naturgestalten teilt, in denen sie in enger Verbindung zum Schicksal der Menschen stehen, die Natur bewachen und im Reich der Träume auf der Suche nach einer besseren Welt sind!

 

Einen Augenaufschlag später ist Sophia verschwunden, nur der Goldstaub, den sie im Wind hinterlässt, sucht sich sanft seinen Weg durch die Luft und erinnert daran, dass sie dagewesen sein muss. Ein magischer Moment, viele kleine Sterne glitzern und glänzen und während weit entfernt noch die letzten Klänge einer Harfe zu hören sind, erwachen ihre Menschen mit einem Lächeln. Sophia hat ihnen in den letzten Stunden ein wenig Zuversicht geschenkt und am Abend, wenn die Sonne hinter den Baumwipfeln versinkt, können wir sie vielleicht wieder sehen. Wenn wir nur genau hinschauen…

 

Herzlich Willkommen im Reich der Elfen, einem Land, wo tausende von verspielten kleinen Seelen wie Sophia jede Nacht unsere Träume bewachen und vielleicht, wenn wir fest genug daran glauben, auch wahr werden lassen...

"Traumtänzerin"

Lektoriert und veröffentlicht im Elbverlag,

Herzbuch "Träume",

Juni 2015

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Schreib-Engel 2012 - 2017