Glücksfall

           

Als Paula unerwartet von hinten einen Schlag erhielt und bäuchlings in den Sand fiel, ahnte sie nicht, dass dies ihr Leben mehr als nur für den Moment beeinflussen wird.

Kurz darauf sah sie, trotz ihrem durch die Sandkörner getrübten Blick, einen strubbeligen Wollhaufen ohne Augen und auf vier Pfoten freudig um sie herum springen. Das fehlte ihr gerade noch. Sie wollte doch nur ein paar Minuten ihrer freien Zeit am Meer sitzen, ein paar ruhige Minuten nur für sich und nun…?

Ihr Knöchel schien verletzt zu sein und war auch schon leicht geschwollen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchte sie instinktiv ihr rechtes Bein etwas zu dehnen und mit beiden Händen zu massieren. Das hinderte den Flohsack aber nicht daran, mit seiner großen Zunge ihre Wangen abzuschlecken. Sofort nahm sie beide Hände abwehrend nach oben, um damit noch weitere feuchte Anschläge zu verhindern. Aber dem aufgeweckten Vierbeiner war das egal. Seufzend sah sich Paula nach einem möglichen Besitzer um. Ganz offensichtlich fanden auch noch andere Strandbesucher Gefallen an diesem einsamen Wanderweg entlang der Ostseeküste und der Frechdachs hier war vermutlich einer Möwe hinterher gerannt. Doch weit und breit war niemand zu sehen.

Also versuchte sie mit dem umher flitzenden Etwas zwischen ihren Beinen aufzustehen, ging aber sofort wieder in die Knie. Wenn doch nur jemand diesen Hund vermissen und sie aus ihrer aussichtslosen Lage befreien würde. Sie versuchte sich noch ein weiteres Mal, am Fell des Tieres festhaltend, nach oben zu ziehen, jedoch ohne Erfolg. Sie lag im Sand und kam nicht weg.

 

Der Vierbeiner, den Paula als Neufundländer beschrieben hätte, wenn irgendjemand sie irgendwann einmal danach fragen würde, blieb an ihrer Seite und schubste sie ständig an. Dabei fiel ihr nun auch auf, dass zwischen dem schwarzen Fell ein Hundehalsband hing. Darauf schien auch ein Name zu stehen. Vor lauter Haare war ihr das zunächst nicht aufgefallen. Paula zog ihn also näher zu sich heran und er freute sich Schwanz wedelnd. Wurde ihm doch klar, dass sie nicht mehr böse auf ihn ist, und als sie den Namen endlich entziffern konnte,  musste sie laut lachen: „Paul“.

Paula fügte sich also zwangsläufig in ihre Situation und sah sich ihr Gegenüber nun erst einmal genauer an. Was sie sah, als sie dem Tier die vom rauen Ostseewind verfilzten Haare aus dem Gesicht strich, gefiel ihr. Treue, liebe Augen und ein warmer, wacher Blick.   

 

Die Zeit verging nun natürlich schneller als geplant,  doch der Schmerz ließ langsam nach und nachdem sie ein wenig näher an die Ostsee heran gerutscht war, um sich immer wieder etwas kühles Meerwasser über den verletzten Knöchel laufen zu lassen, fühlte sie auch die Schwellung langsam zurückgehen.

Paul blieb an ihrer Seite und Paula würde nun den Bus etwas später nehmen. Auf Arbeit wusste man Bescheid, wo sie war. Man wird sie also nicht vermissen und ihr ihre unbeabsichtigt verlängerte Pause gönnen. Ihre Mitarbeiter werden sogar froh darüber sein. Hatten sie ihr doch unlängst immer wieder geraten, sich mal ein wenig mehr Ruhe zu gönnen.

 

Ihre kleine Agentur, über die man Ferienwohnungen von Flensburg bis Bockholm mieten oder kaufen konnte, lief zwischenzeitlich auch ohne sie ganz gut und so dachte sie kurz darüber nach, sich für den Rest des Tages frei zu nehmen. Dann könnte sie etwas früher nach Hause, und mit jeder weiteren Minute, die verging, schienen sich ihre Schmerzen auch immer mehr in Luft aufzulösen.

Sie würde noch eine Weile abwarten und dann ein weiteres Mal versuchen aufzustehen. Bis dahin nahm sie die Zwangspause zum Anlass, ihr bisheriges Leben kurz Revue passieren zu lassen. Sie war glücklich, nein, sie ist glücklich und alles in allem betrachtet, könnte sie in Zukunft durchaus etwas kürzer treten, sich mehr Zeit für ihre Familie nehmen und vielleicht, nun, vielleicht sollte sie ihren Kindern endlich den lang versprochenen Wunsch nach einem Haustier erfüllen. Jetzt, wo sie auf so ungewöhnliche Weise auf den Hund gekommen war. Auch wenn Paul ganz bestimmt ein gutes zuhause hatte, war es doch ein Wink des Schicksals, sich wirklich einmal auf die wesentlichen Dinge zu besinnen. Sie musste eben einfach mal loslassen. Das hatte sie sich schon längst und so oft vorgenommen. Nur die Umsetzung war ihr nicht gelungen.

Noch nicht.                                                                                        

 

Mit diesen Gedanken verstrichen die Minuten weiter und weiter, Paul lag dicht neben ihr und dachte gar nicht daran, sie allein zu lassen. Da befand sie sich nun an ihrer Lieblingsstelle, hoch oben an der Ostsee, nahe der Flensburger Förde, neben einem alten, verlassenen Kahn, der früher sicher einmal eine kleine Familie ernähren musste und es war immer noch keine Menschenseele zu sehen. Lediglich ein paar Möwen waren zu hören und Paul, der leise vor sich hin schnaufte. Er schlief und Paula nickte ebenfalls kurz ein. Als ihr Handy klingelte, öffnete Paul kurz die Augen, um sie gleich darauf wieder zu schließen.

Paula sah auf ihrem Display, dass es ihr Büro war. Sie meldete sich mit der kurzen Erklärung,  dass eine unerwartete Planänderung eingetreten war und sie heute nicht mehr zurückkommen wird. In Gedanken fügte sie auch gleich noch mehr ihrer zukünftigen Veränderungen hinzu.

Doch dann hörte sie, was man ihr am anderen Ende des Telefons erzählte und wurde plötzlich ganz blass: „Nein, nein, Ihr müsst euch keine Sorgen machen, bei mir ist alles in Ordnung, ich habe nur einen Freund getroffen und mich verspätet. Deswegen habe ich auch den Bus nicht mehr erreicht. Wir sehen uns morgen!“

 

Paula legte das Handy zur Seite und drückte den Neufundländer ganz fest an sich. „Ach Paul, dass hast Du wirklich gut gemacht. Stell dir vor, mein Bus, mit dem ich wieder zur Arbeit zurückfahren wollte, hatte einen Unfall. Der Busfahrer ist glücklicherweise unverletzt, aber die Hinterseite des Busses ist total zerstört. Wie gut, dass um diese Zeit niemand sonst im Bus gesessen hat.“

 

Paul blinzelte Paula kurz mit seinen dunkelbraunen Knopfaugen an und gleich darauf schlief er wieder ein.

So ein Hundeleben ist eben anstrengend.    

Veröffentlichung im März 2015 vom EPLA Verlag, Anthologie Wolkenbilder

 

 

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