Herbstkinder

 

Das Glas Wein stand noch immer auf dem Tisch. Es wirkte irgendwie seltsam.

So vertraut und doch völlig fremd. Das Glas mit dem dunklen Rot auf dem kleinen, teakholzbraunen Gartentisch erweckte den Eindruck eines Stilllebens.

 

Hat sich denn die Welt in den letzten Tagen gar nicht bewegt? Dabei ist doch so viel geschehen. Bewegungsloser Stillstand des Lebens und doch erzählen die verwitterten Gartenmöbel ihre ganz eigene Geschichte. Eine Geschichte über Familie, Freundschaft und tiefer Liebe.

 

Charlotte öffnete tapfer die Tür zur Terrasse und trat hinaus. Der Wind spielte sanft mit ihrem langen Haar und hinterließ einen wärmenden Hauch auf ihrem Gesicht. Es fühlte sich an wie eine zärtliche Berührung, eine kleine liebevolle Umarmung. Trotz der untergehenden Sonne war es noch immer ein schöner Herbstabend. Nichts, aber auch wirklich nichts deutete auf das Drama hin, was sich dort in diesem wunderschön angelegten Garten noch vor wenigen Stunden abgespielt hat. Sie überlegte kurz und setzte sich dann doch auf den völlig verwaisten Stuhl. Sie fand, dass der Stuhl traurig aussah. Sie fand überhaupt, dass alles um sie herum ein Spiegelbild ihrer Seele war. Nur das Fotoalbum, welches immer noch neben dem Glas Wein auf dem Tisch lag, machte sich leise bemerkbar. Das eingearbeitete, durchsichtige dünne Papier zwischen den Bildern bewegte sich mit dem Wind mal vorwärts und dann mit einem kleinen Knistern wieder zurück. Charlotte wagte einen Blick auf das Foto, welches mit dem nächsten Atemzug des Windes zum Vorschein kam. Alexander.

 

Frau Döhring, die ältere Dame, die sie nun schon seit gut einem Jahr betreute, war Alexanders Mutter. Offensichtlich hat sie ihre letzten Stunden mit all ihren Erinnerungen und einem Blick in die Vergangenheit verbracht. Ob sie etwas geahnt hat? Sie beide hatten in den vergangenen Monaten den einen oder anderen Abend gemeinsam auf dieser Terrasse verbracht. Ein schönes Ritual, mit einem Glas Wein Erinnerungen auszutauschen und sich anzufreunden. Die ältere Dame hatte sich anfangs nicht getraut, Charlotte danach zu fragen, wollte sich nicht aufdrängen, aber ihr fehlten der Zuspruch und auch etwas Gesellschaft. Ihr Mann war fünf Jahre zuvor gestorben und Alexander, ihr einziger Halt, zog plötzlich Hals über Kopf nach Norwegen. Angeblich aus beruflichen Gründen, aber seiner Mutter konnte er nichts vormachen. Sie wusste, dass es der Liebe wegen war. Ein Mutterherz fühlt das Leiden ihres Kindes und von Tag zu Tag brachte sie Charlotte mehr und mehr Vertrauen entgegen, so dass sie ihr an einem Abend auch davon erzählte. Es waren schöne Gespräche, teils nachdenklich, teils untermalt mit feinsinnigem, hintergründigem Humor und sie werden ihr fehlen.

 

Sie kennt das Bild, welches sie ansieht. Johanna Döhring nahm immer dieses Foto zur Hand, wenn sie von ihrem Sohn sprach. Zärtlich sprach sie, voller Sehnsucht, aber doch auch voller Verständnis. Der Junge muss erst mal zu sich finden. Eines Tages kommt er zurück in dieses Haus und dann ist alles gut. Das spüre ich. Er wird darüber hinwegkommen.

 

Charlotte hat Alexander noch gestern Abend angerufen, gleich nachdem sie seine Mutter auf der Terrasse mit dem Kopf auf dem Tisch zusammengesunken fand und den Notarzt rufen musste, der leider nichts mehr tun konnte. Sie machte sich schreckliche Vorwürfe, weil sie nicht ein paar Minuten früher zur Stelle war. Hätte sie es verhindern können? Charlotte spürte einen weiteren Luftzug. Die Sonne versank langsam am Horizont und die Abenddämmerung kam zum Vorschein.

 

Der nun leicht kühle Wind blätterte die nächste durchsichtige Zwischenseite um und brachte einen Umschlag zum Vorschein, auf dem Charlottes Name stand.

Vorsichtig und zögernd öffnete sie den Brief und las die wenigen Zeilen in der ihr bekannten, gut lesbaren Handschrift: „Charlotte, ich möchte Ihnen für Ihre Freundschaft danken. Es war eine schöne Zeit für mich und so sehr sind Sie mir ans Herz gewachsen. Irgendwann, vielleicht schon bald, wird mein Sohn zurückkommen und dann glaube ich, dass Ihr Lächeln ihn von seiner Traurigkeit erlösen wird, genauso, wie Ihr Lächeln meine Traurigkeit beendet hat. Die Liebe verändert die Menschen, es gibt eine Zeit des Leidens und es gibt eine Zeit des Glücklichseins. Das zweite wünsche ich Ihnen und ich, ich werde nun bald bei meinem Mann und ebenfalls wieder glücklich sein.“

Mit Tränen in den Augen las Charlotte noch den letzten lieben Abschiedsgruß ihrer älteren Freundin, als sie das Taxi vor dem Haus vorfahren hörte. Mit leisen Schritten betrat Alexander durch den Seitenweg am Haus entlang den Garten.

 

Es war ein schöner, warmer Herbsttag. Charlotte ist beruhigt, weil sie nun weiß, dass sie nichts hätte tun können. Als sie Alexander sieht, legt sie den Umschlag unauffällig in ihre Tasche. Das hat jetzt noch Zeit, irgendwann einmal wird sie ihm die letzten Worte seiner Mutter zum Lesen geben. Irgendwann wird es einen richtigen Zeitpunkt dafür geben. Jetzt ist die Zeit für Traurigkeit und Zeit zum Abschiednehmen. Charlotte steht auf und geht Alexander entgegen. Sie lächelt ihn an und nach einem kurzen Blick in ihre Augen, die ihn bis ans Ende ihrer Seele blicken lassen, lächelt er zurück.

"Herbstkinder" wurde 2012 vom Papierfresserchens MTM Verlag veröffentlicht.

 

 

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